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Album der Woche: Esther Kaiser – „BREATHING“

11. September 2026

Album der Woche: Esther Kaiser – „BREATHING“

Zwischen Einatmen und Loslassen

Einatmen. Ausatmen. Etwas aufnehmen und wieder loslassen. Kaum etwas ist uns so selbstverständlich und gleichzeitig so existenziell wie der Atem. Die Berliner Jazzsängerin Esther Kaiser macht daraus auf ihrem neuen Album „BREATHING“ nicht nur ein musikalisches Thema, sondern ein ganzes Prinzip.

„BREATHING“ ist Kaisers neuntes Soloalbum – und nach „Water“ von 2022 rückt erneut ein Element ins Zentrum ihrer Musik. Damals war es das Wasser, jetzt ist es die Luft. Doch der Atem ist für Kaiser weit mehr als ein biologischer Vorgang. Er steht für Leben und Bewegung, für Freiheit und Verbundenheit, für das Verhältnis zwischen unserer Innenwelt und dem, was draußen geschieht.

Jazz, der Raum zum Atmen lässt

Dafür hat Kaiser eine bemerkenswert transparente Besetzung gewählt. Gemeinsam mit Alexander Wienand am Klavier, Athina Kontou am Kontrabass und Tilmann Dehnhard an der Flöte entsteht ein kammermusikalischer Jazz ganz ohne Schlagzeug. Und trotzdem groovt diese Musik. Der Bass gibt ihr einen Puls, das Klavier schafft harmonische Räume, die Flöte umspielt die Stimme – und dazwischen bleibt immer wieder genau das, worum es auf diesem Album geht: Luft.

Kaiser nutzt diesen Freiraum auf vielfältige Weise. Sie singt, erzählt, haucht, improvisiert und arbeitet mit Spoken Word. Ihre Stimme ist nicht einfach das Instrument vor der Band, sondern Teil eines gemeinsamen Klangkörpers. Worte können sich in Töne verwandeln, Töne beinahe in Sprache. Manchmal wirkt die Musik ganz leicht und schwebend, dann wieder nachdenklich und eindringlich.

Persönlich und politisch zugleich

Dabei ist „BREATHING“ keineswegs ein Album, das sich aus der Welt zurückzieht. Persönliche Erfahrungen treffen auf gesellschaftliche und politische Fragen. Es geht um Unsicherheit und Veränderung, um Verletzlichkeit, aber auch um Widerstandskraft. Gerade darin liegt eine besondere Qualität dieser Musik: Kaiser muss nicht laut werden, um etwas zu sagen.

Elf Stücke umfasst das Album. Schon Titel wie „Winter in July“, „Strong Winds“, „The Girl who is still standing“, „She Said“ oder „Learning to breathe“ zeigen, wie weit Kaiser die Idee des Atmens fasst. Besonders „Learning to breathe“ bringt vieles zusammen: die Suche nach Ruhe in Zeiten der Veränderung und das Vertrauen darauf, selbst unter schwierigen Bedingungen einen eigenen Rhythmus wiederzufinden.

Die Kunst des Zuhörens

„BREATHING“ verlangt dabei eine Form des Zuhörens, die im Alltag leicht verloren geht. Diese Musik drängt sich nicht auf. Sie nimmt sich Zeit. Sie lässt Pausen zu und vertraut darauf, dass nicht jeder Raum gefüllt werden muss.

Vielleicht ist das auch die schönste Idee dieses Albums: Atmen bedeutet nicht nur, etwas aufzunehmen. Zum Atmen gehört ebenso das Loslassen.

Unser Album der Woche

Esther Kaiser und ihre Mitmusiker machen daraus einen Jazz, der zugleich intim und weltoffen klingt. Einen Jazz, der gesellschaftliche Fragen nicht mit großen Gesten beantwortet, sondern ihnen Raum gibt. Und ein Album, das daran erinnert, dass zwischen zwei Atemzügen manchmal mehr passieren kann, als man denkt.