Jazz News
Camilla George: Musikalische Reise und Blick nach vorn
Mit Ibio-Ibio schuf Camilla George 2022 ein Album, das weit mehr war als eine virtuose Jazzproduktion. Die britisch-nigerianische Saxophonistin verband Geschichte, kulturelles Erbe und persönliche Identität mit einem modernen Klangbild aus Jazz, afrikanischen Traditionen, Hip-Hop und zeitgenössischen Einflüssen. Heute, einige Jahre später, versteht sie das Werk längst nicht mehr als abgeschlossenen Moment, sondern als Ausgangspunkt einer musikalischen Entwicklung, die sich vor allem auf der Bühne fortsetzt.
Denn für George endet Musik nicht mit der Veröffentlichung eines Albums, wie sie im Interview mit dem Jazz-Portal Jazzfun.de gesteht. Die Stücke verändern sich mit jedem Konzert, wachsen zusammen und erzählen ihre Geschichte immer wieder neu. Für ihre Live-Auftritte hat sie gemeinsam mit ihrer Band fließende Übergänge zwischen den Kompositionen entwickelt. So entstehen Konzerte, die sich „noch mehr wie eine zusammenhängende musikalische Reise“ anfühlen und dem Publikum ein intensiveres Hörerlebnis ermöglichen.
Die Bühne als eigentlicher Lebensraum
Dass sie ihre Musik inzwischen regelmäßig auf internationalen Bühnen präsentieren kann, empfindet George als großes Privileg. Die Konzerte sind für sie weit mehr als reine Aufführungen – sie sind der Ort, an dem ihre Kompositionen weiterleben.
Zu ihren eindrucksvollsten Erinnerungen zählt bis heute das North Sea Jazz Festival. Besonders die Kombination aus dem Auftritt mit ihrer eigenen Band und dem anschließenden Konzert gemeinsam mit dem Metropole Orchestra sei für sie ein außergewöhnliches Erlebnis gewesen.
Jazz, der Menschen erreicht
Musikalisch hat Camilla George ihren Stil in den vergangenen Jahren konsequent weiterentwickelt. Inspiration findet sie dabei nach wie vor im kompositorischen Schaffen des Saxophonisten Kenny Garrett. Dessen Fähigkeit, anspruchsvolle Musik zu schreiben, die zugleich auch Menschen ohne tiefere Jazzkenntnisse erreicht, ist für sie ein wichtiges Vorbild.
Dieses Ziel verfolgt sie auch mit ihrer eigenen Musik. „Musik sollte für alle Menschen da sein“, sagt George. Anspruch und Zugänglichkeit schließen sich für sie nicht aus. Vielmehr sieht sie gerade darin die Herausforderung: Kompositionen zu schaffen, die harmonisch und rhythmisch komplex sind, ohne ihre emotionale Wirkung zu verlieren.
Geschichten als roter Faden
Erzählen gehört seit jeher zum Kern ihrer Musik. Viele ihrer Kompositionen beschäftigen sich mit Geschichte, Identität und kulturellem Erbe. Auch das kommende Album folgt diesem Prinzip. Zwar hält George das übergeordnete Thema noch geheim, verrät aber, dass sämtliche Stücke eng miteinander verbunden sein werden.
Sie arbeite besonders gern mit konzeptionellen Alben, weil sie Musik und Geschichten miteinander verknüpfen könne – Themen, die sie persönlich bewegen und interessieren.
Inspiration aus einer lebendigen Szene
Eine wichtige Rolle spielt dabei weiterhin die Londoner Jazzszene. Für George ist die britische Hauptstadt ein Ort voller kreativer Energie, an dem sich Musikerinnen und Musiker gegenseitig inspirieren und fördern. Organisationen wie Tomorrow’s Warriors sorgen ihrer Ansicht nach kontinuierlich für außergewöhnlichen Nachwuchs und halten die Szene in Bewegung.
Diese Offenheit spiegelt sich auch in ihrer eigenen Arbeit wider. Obwohl sie regelmäßig mit unterschiedlichen Musikerinnen und Musikern zusammenarbeitet, bildet ihre langjährige Band den festen Kern ihres Schaffens. Seit mehr als zehn Jahren verbindet sie eine enge musikalische Zusammenarbeit, die George als familiär beschreibt. Gerade dieses Vertrauen sei ein wesentlicher Grund dafür, warum ihre Live-Konzerte eine besondere Dynamik entwickeln.
Komplexität mit Gefühl
Beim Komponieren sucht Camilla George konsequent die Balance zwischen technischer Raffinesse und emotionaler Direktheit. Erneut verweist sie auf Kenny Garrett als Vorbild: Musik dürfe energiegeladen, spirituell sowie harmonisch und rhythmisch anspruchsvoll sein, ohne sich im Selbstzweck zu verlieren.
Nicht möglichst komplizierte Stücke seien das Ziel, sondern Musik, die Menschen unmittelbar erreicht.
Das nächste Kapitel beginnt
Stillstand kennt Camilla George nicht. Ihr neues Album ist bereits fertig geschrieben und wartet nun auf die Aufnahme. Inhaltlich bleibt sie noch geheimnisvoll, doch ihre abschließenden Worte geben einen deutlichen Hinweis darauf, wohin die Reise geht.
Gefragt, welche Geschichte sie heute erzählen möchte, antwortet sie: „Wahrscheinlich eine Geschichte über Hoffnung und Liebe. Ich glaube, genau daran sollten wir in der heutigen Zeit festhalten.“
Auch für die kommenden Jahre blickt sie optimistisch nach vorn. Sie möchte weiterhin mit ihrer Band auf Tour gehen, das neue Album aufnehmen und dazu beitragen, dass Jazz in all seinen heutigen und zukünftigen Formen lebendig bleibt. Ihre Überzeugung fasst sie in einem einfachen Satz zusammen: Die Zukunft sei hell.