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Das hier hätte für immer weitergehen können

12. Juni 2026

Das hier hätte für immer weitergehen können

Lisa Bassenge und Band spielen „Das hier wird für immer sein“ in der „Bar jeder Vernunft

Von Eric Sommer

„Wär ich ´ne Geschichte, kämst Du nicht vor

Wär ich van Gogh, wärst Du das Ohr“

Allein für diese Zeile hat es sich gelohnt, dass die Berliner Jazzsängerin Lisa Bassenge an diesem Donnerstag noch einmal ihre alten (und erstaunlich gut gealterten!) deutschsprachigen Lieder herausgeholt hat – und dass das Publikum in der nahezu ausverkauften Bar jeder Vernunft auch nach der vierten Zugabe noch trampelte und Bassenge und ihre Band nicht gehen lassen wollte.

2011, ein paar Jahre, nachdem Roger Cicero das weibliche Geschlecht gerade zur Weltregierung ernannt hatte, veröffentlichte Lisa Bassenge mit „Nur Fort“ ihr erstes deutschsprachiges Album. Auch heute noch eine Erinnerung daran, wie viel Soul und Groove in einer deutschen Platte stecken kann. Mit etwas Abstand lässt sich sagen: Diese Songs haben sich alle besser gehalten als einige Nummern Roger Ciceros. Wo er etwa von Männern singt, die mit ihren Frauen shoppen gehen und sich fragen:

„Wie komm ich raus aus der Boutique – ohne Krieg?

Wie komm ich raus aus diesem Laden – ohne Schaden?“

Zeichnet Bassenge zum Beispiel in „Das hier wird für immer sein“ (aus dem Album „Wolke 8“) zarte Bilder, in fast schon Regenerscher Präzision:

„Bis hier hin und wie weiter, lautet meine Frage –

Erst stahlst Du mir die Nächte, jetzt schenkst Du mir die Tage“

Wenn als Reaktion auf eine Liedzeile Frauenaugen aufblitzen und Männer einen kurzen, lachenden Luftzug aus der Nase stoßen, weil sie von der Formulierung ertappt wurden (und sich insgeheim ärgern, nicht selbst darauf gekommen zu sein), ist es eine gute Zeile. An diesem Donnerstagabend wurde häufig stoßend aus der Nase geatmet …

Band der Träume

Einige dieser zeitlosen Songs hat Lisa Bassenge gemeinsam mit dem Berliner Bassisten Paul Kleber (großartig!) geschrieben. Kleber stand auch am Donnerstag auf der Bühne der Bar jeder Vernunft, neben weiteren Ausnahmemusikern der Berliner Szene: dem Pianisten Bene Aperdannier (großartig!), dem Gitarristen Christoph Bernewitz (großartig!) und dem Schlagzeuger Martin Krümmling (großartig!). Diese Band muss der Traum jeder Sängerin und jedes Sängers sein. Alle vier unbestrittene Meister ihres Instruments, vor allem aber: alle vier immer bereit, ihre Arbeit in den Dienst der Sache zu stellen: in die Songs. Was, zugegeben, bei der Qualität der Bassenge/Kleberschen Stücke leichter fallen dürfte als bei (Anm. d. Red.: hier ist die Fantasie des Lesers und der Leserin gefragt). Dennoch: Das Publikum wurde nicht damit behelligt, verstehen zu müssen, dass die Musiker auf der Bühne in ihrer Jugend viel Zeit darauf verwendet haben, schnell spielen zu können. Wie angenehm! So erzeugten die vier Musiker eine große Atmosphäre, die den Abend durchzog und in der Lisa Bassenge das Publikum um ihren Finger wickeln und voller Freiheit singen konnte, was ihr vor allem in der zweiten Hälfte umwerfend gelang.

So wie Bassenges Musik und Texte immer beides sind – große Emotionen und feiner, spielerischer (Wort-)Witz –, war auch der Abend im für diesen Anlass idealen Spiegelzelt der Bar jeder Vernunft beides: ein Konzert auf musikalischem Höchstniveau und ein (so wirkte es jedenfalls) spielend leichter Abend unter Freunden, zu dem Lisa Bassenge ihre musikalische Erinnerungskiste mitgebracht hat und das Publikum einlud, gemeinsam darin zu blättern.

„Seltsam sein“ – ein neues Album?

Und dann, ganz beiläufig, als man sich im Publikum kurz hätte fragen können: Warum dieser ganze musikalische Aufwand, das erneute Erarbeiten des Repertoires, das mühsame Zusammenkleben des gebrochenen Glockenspielschlägers … warum das alles für einen Abend? Genau dann gestand Bassenge, dass sie an diesem Abend eigentlich ein komplett neues deutschsprachiges Programm präsentieren wollte, mit ganz vielen neuen Stücken. Aber irgendwie, wie das eben so ist, kam das Leben dazwischen. Dinge mussten getan, andere gelassen, Apfelbäume gepflanzt werden. Immerhin: Einen neuen Song gibt es schon, „seltsam sein“ heißt er und macht Hoffnung, dass die deutschsingende Lisa Bassenge weiterhin das großartige Talent besitzt, Worte dafür zu finden, was alle fühlen, aber die meisten nur durch ein stoßartiges Ausatmen aus der Nase artikulieren können. Worte sind schöner. Zumindest, wenn Lisa Bassenge sie singt.