Jazz News
Jamie Safir: Momentism – Jazz zwischen Augenblick und Nachhall
Ein vielseitiger Pianist und musikalischer Wegbegleiter
Seit mehr als 15 Jahren ist der Pianist Jamie Safir als Komponist, Studiomusiker und Live-Musiker aktiv. In dieser Zeit arbeitete er mit Künstlerinnen und Künstlern wie Laufey, Kylie Minogue, Jamie Cullum und Annie Lennox zusammen. Zu seinen kompositorischen Arbeiten zählt unter anderem eine Weihnachtssingle für den Singer-Songwriter Will Young. Außerdem war Safir als Co-Autor am 2022 erschienenen Album Greek Street Friday von Ian Shaw beteiligt.
Auch im renommierten Londoner Jazzclub Ronnie Scott’s ist Safir längst kein Unbekannter. Seine dort aufgeführte Solo-Show Piano Talk, die er gemeinsam mit Ian Shaw entwickelte, war ausverkauft.
Mit Momentism beginnt ein neues Kapitel
Ein neuer Abschnitt in Safirs Karriere begann mit der Einladung von Chill Tone Records, ein Album für das Label aufzunehmen. Das Ergebnis ist sein Debütalbum Momentism. Begleitet wird der Pianist von Bassist Conor Chaplin und Schlagzeuger Luke Tomlinson. Auf zahlreichen Stücken erweitert zudem Tenorsaxofonist Iain Ballamy das Ensemble um seine unverwechselbare musikalische Stimme.
Der Albumtitel verweist auf eine Idee, die weit über die Musik hinausreicht. Für Safir beschreibt „Momentism“ die Schwierigkeit, ganz im gegenwärtigen Augenblick zu sein – etwas, das im Jazz ebenso notwendig ist wie im Leben. Zugleich geht es um Entscheidungen, die sich im Moment richtig anfühlen, deren Folgen sich später jedoch als problematisch erweisen können.
Gerade zum Jazz passt dieser Gedanke besonders gut: Instinkt, spontane Interaktion und die Bereitschaft, einem musikalischen Impuls zu folgen, können hier ebenso entscheidend sein wie das zuvor Komponierte. Safir erkundet dieses Spannungsfeld auf insgesamt elf Titeln. Zehn Stücke stammen aus seiner Feder, „Amethyst“ schrieb er gemeinsam mit der Sängerin Emma Smith.
Ein warmer Auftakt und starke musikalische Chemie
Das Titelstück „Momentism“ eröffnet das Album zurückhaltend. Mit einer warmen, einnehmenden Improvisation steckt Safir den klanglichen Rahmen der Aufnahme ab.
Mit „Boulevardier“ ändert sich die Atmosphäre deutlich. Ballamys Tenorsaxofon setzt mit einem markanten Motiv ein und bewegt sich über dem Groove von Chaplin und Tomlinson, bevor sich Saxofon und Klavier in fließenden musikalischen Dialogen begegnen. Das Stück zeigt eindrucksvoll die Chemie innerhalb des Ensembles und gehört zu den stärksten Momenten des Albums.
Diese intensive Interaktion setzt sich in „Hirsute Pursuit“ fort. Hier gibt das Trioformat insbesondere Chaplin und Tomlinson Raum, sich musikalisch stärker zu entfalten.
Die leisen und nachdenklichen Seiten
Immer wieder zieht es Safir auf Momentism in ruhigere, reflektierende Klangwelten. „Black Star Sapphire“, „The World In The Evening“ und das atmosphärische „Mad Sad Bad“ setzen auf eine sanfte, zurückgenommene Stimmung.
Gerade hier kommen Safirs feiner Anschlag und sein Gespür für Nuancen besonders gut zur Geltung. Seine bewusste Zurückhaltung entwickelt eine ganz eigene Ausdruckskraft.
Unter den langsameren Stücken sticht „Amethyst“ hervor. Ein leichter Latin-Rhythmus trägt die bittersüße Melodie, deren Wirkung Safir mit seinem eleganten Timing gekonnt entfaltet. Tomlinsons geschmackvoll eingesetzte Percussion verleiht dem Stück zusätzliche Farbe und Leichtigkeit.
Spielerische Referenzen und starke Soli
An anderer Stelle zeigt sich das Album lebhafter. Die Inspirationsquelle des stilvollen „Duke Balington“ dürfte sich Jazzkennern ohne große Mühe erschließen. Das flotte „Clocker“ wiederum bietet reichlich Gelegenheit für überzeugende Soli von Klavier, Bass und Saxofon.
Zum Abschluss von Momentism finden Safir und Chaplin in „Esprit D’Escalier“ zu einem besonders einfühlsamen musikalischen Dialog. Damit endet ein Album, das von lyrischer Schönheit geprägt ist, unter seiner eleganten Oberfläche jedoch stets eine gewisse emotionale Spannung bewahrt.
Eleganz, Natürlichkeit und harmonische Fantasie
Momentism lebt vor allem von Jamie Safirs unverwechselbarem Klavierspiel. Seine Musik wirkt unmittelbar zugänglich und besitzt eine unangestrengte Eleganz, ohne dabei an musikalischer Tiefe einzubüßen.
Natürliche Phrasierung, souveräne Improvisation und harmonischer Einfallsreichtum verbinden sich zu einem persönlichen Klangbild. So gelingt Safir mit seinem Debüt ein Album, das Leichtigkeit und Nachdenklichkeit miteinander verbindet – und dabei immer wieder jene Frage aufwirft, die seinem Titel zugrunde liegt: Was bedeutet es eigentlich, wirklich im Moment zu sein?