Jazz News
Shabnam Parvaresh übernimmt das Morgenland Festival
Wenn sich vom 29. Mai bis 6. Juni 2026 Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt in Osnabrück treffen, steht das Morgenland Festival erstmals unter der künstlerischen Leitung von Shabnam Parvaresh. Die 1983 in Teheran geborene Klarinettistin und bildende Künstlerin, die seit Jahren in Osnabrück lebt, führt damit die Tradition des 2005 gegründeten Festivals fort – und öffnet zugleich ein neues Kapitel.
Vom Gründungsgedanken zur Neuausrichtung
Seit seiner Gründung durch Michael Dreyer im Jahr 2005 gilt das Morgenland Festival Osnabrück als bedeutende Plattform für interkulturelle Begegnungen und musikalischen Austausch zwischen Orient und Okzident. Dreyer prägte das Festival fast zwei Jahrzehnte lang, bevor er 2024 die Leitung der NDR Bigband übernahm.
In der Übergangszeit übernahm der syrische Klarinettist und Komponist Kinan Azmeh die Rolle des Interimskurators – nun liegt die künstlerische Verantwortung in den Händen von Shabnam Parvaresh. Sie versteht ihren Auftrag als Erweiterung des Horizonts: Das „Morgenland“ ist für sie kein Ort, sondern ein Zukunftsbild – ein Symbol für künstlerische Offenheit und transformative Kulturarbeit.
Stimmen der Diaspora – das neue Festivalmotto
Unter dem Leitmotiv „Stimmen der Diaspora“ rückt Parvaresh im kommenden Jahr Künstlerinnen und Künstler ins Zentrum, deren Lebenswege Migration, kulturelle Überschneidungen und Identitätssuche spiegeln. Ihr Ziel ist es, die Erfahrungen des „Dazwischenlebens“ in Klang zu verwandeln – in Musik, die Grenzen, Sprachen und Traditionen überwindet.
Dieser Fokus auf die Diaspora ist programmatisch: Parvaresh versteht ihn als Spiegel der Gegenwart, in der kulturelle Zugehörigkeit komplexer, vielfältiger und zugleich inspirierender denn je ist.
Erste Programmpunkte – ein Versprechen an Vielfalt
Bereits die ersten Ankündigungen zeigen, wohin die musikalische Reise geht. Die Vokalistin Ganavya, in New York geboren und inzwischen in Berlin lebend, eröffnet das Festival mit einer meditativen Performance, die südindische Klassik, Jazz und Ambient zu einer spirituellen Einheit verschmilzt.
Die britisch-bahrainische Trompeterin Yazz Ahmed bringt ihren unverwechselbaren Mix aus zeitgenössischem Jazz und arabischen Klangfarben auf die Bühne. Ebenso intensiv: Der ägyptische Sänger und Dichter Abdullah Miniawy, der mit expressiver, vokaler Energie zwischen Poesie, Improvisation und Ekstase balanciert.
Klangliche Grenzgänge zwischen Elektronik, Jazz und Tradition
Auch experimentelle Dialoge nehmen Raum ein. Der britische Pianist Kit Downes trifft auf die avantgardistische Turntablistin Shiva Feshareki, um elektronische Klänge und Jazzimprovisation ineinanderfließen zu lassen.
Der iranische Gitarrist Mahan Mirarab und der österreichische Schlagzeuger Bernhard Schimpelsberger arbeiten gemeinsam mit der australischen Posaunistin Shannon Barnett an neuen Fusionen von iranischen Melodien und komplexen Rhythmen. Ein besonderes Projekt präsentiert die kurdische Sängerin Sakîna, deren Ensemble als Kollektiv spirituelle und nahöstliche Einflüsse in eine offene, zeitgenössische Klangsynthese übersetzt.
Ein neues Kapitel für Osnabrück
Das vollständige Programm wird Ende Februar erscheinen. Dennoch wird schon jetzt deutlich: Mit Shabnam Parvaresh beginnt für das Morgenland Festival eine neue Ära. Ihre künstlerische Handschrift verbindet Reflexion mit Experiment, Identität mit Offenheit – und hält der Gesellschaft zugleich einen Spiegel vor.
In dieser Neuausrichtung liegt vielleicht das eigentliche Versprechen des „Morgenlands“: ein Ort, an dem Zukunft hörbar wird.