Jazz News
Stella Cole: Mit „Imagination“ durch das Great American Songbook
Mit warmer Stimme, stilistischer Eleganz und einem bemerkenswert natürlichen Zugang zu den Klassikern des Great American Songbook schlägt Stella Cole eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Auf ihrem neuen Album „Imagination“, das am 30. Oktober erscheint, interpretiert die junge US-Sängerin zeitlose Lieder über Liebe, Sehnsucht, Träume und Erinnerungen – und zeigt dabei, wie gegenwärtig diese Songs noch immer klingen können.
Klassiker, die keine Modernisierung brauchen
Stella Cole gehört zu jener jungen Generation von Interpretinnen, für die das Great American Songbook kein abgeschlossenes Kapitel der Musikgeschichte ist. Auf „Imagination“ widmet sie sich bekannten Standards wie „As Time Goes By“, „I’m Old Fashioned“, „Polka Dots and Moonbeams“ und „Singin’ in the Rain“.
Dabei verzichtet Cole darauf, den Klassikern um jeden Preis einen modernen Anstrich zu geben. Stattdessen vertraut sie auf die Kraft der Kompositionen, ihre Melodien und Texte – und vor allem auf die Emotionen, die sie seit Jahrzehnten über Generationen hinweg vermitteln.
Genau diese Selbstverständlichkeit hebt auch der renommierte amerikanische Jazzkritiker und Autor Will Friedwald hervor, der die Liner Notes zu „Imagination“ verfasst hat. Für ihn scheint zwischen Stella Cole und dem historischen Repertoire kaum eine Distanz zu bestehen. Sie begegnet den Songs auf Augenhöhe, nimmt ihre Geschichten ernst und macht deren Botschaften zu ihren eigenen.
„As Time Goes By“ – ein Lied zwischen den Zeiten
Besonders deutlich wird dieser Ansatz bei „As Time Goes By“. Herman Hupfeld schrieb den Song bereits 1931 für das Broadway-Musical „Everybody’s Welcome“. Zum Welterfolg wurde er jedoch erst mehr als ein Jahrzehnt später durch den Filmklassiker „Casablanca“.
Schon die Geschichte des Stücks zeigt, wie Musik unterschiedliche Zeiten miteinander verbinden kann. Stella Cole führt diesen Gedanken in ihrer Interpretation fort. Denn während die Epoche, in der viele Standards des Great American Songbook entstanden, längst Geschichte ist, haben ihre Themen nichts von ihrer Bedeutung verloren.
Liebe und Verlust, Hoffnung und Romantik, Sehnsucht und Erinnerung sind schließlich nicht an eine bestimmte Generation gebunden. So erscheint auch „I’m Old Fashioned“, das Jerome Kern und Johnny Mercer 1942 für Fred Astaire und Rita Hayworth schrieben, bei Cole nicht wie ein nostalgischer Blick zurück. Vielmehr rückt sie die zeitlose Gefühlswelt des Songs in den Mittelpunkt.
Zwischen Sehnsucht, Traum und Gewissheit
Auch der Titelsong „Imagination“ passt ideal in dieses Konzept. Das Stück bewegt sich zwischen Vorstellung und Wirklichkeit, zwischen erträumter Nähe und tatsächlicher Sehnsucht. Dem gegenüber steht „It Had to Be You“ mit seiner beinahe unumstößlichen Gewissheit über die eine große Liebe.
Cole versteht es, diese unterschiedlichen emotionalen Facetten miteinander zu verbinden. Statt große Gesten in den Vordergrund zu stellen, konzentriert sie sich auf Nuancen und auf die Geschichten hinter den Liedern. Gerade dadurch gewinnen die bekannten Standards eine neue persönliche Note.
Intime Arrangements geben Stella Coles Stimme Raum
Musikalisch setzt „Imagination“ bewusst auf einen intimen Rahmen. Michael Kanan am Piano, Michael Migliore am Bass und Hank Allen-Barfield am Schlagzeug begleiten die Sängerin mit Zurückhaltung und Sensibilität.
Opulente Arrangements sind dabei nicht nötig. Im Zentrum stehen das Zusammenspiel der Musiker, Coles Stimme und das Storytelling der Songs. Die reduzierte Besetzung schafft Raum für feine Details und unterstreicht den unmittelbaren Charakter des Albums.
So entsteht keine bloße Hommage an eine vergangene Ära. Vielmehr wirken die Stücke wie lebendige Geschichten, die von einer jungen Sängerin aus ihrer eigenen Perspektive erzählt werden.
Vom Social-Media-Phänomen auf die großen Bühnen
Dass Stella Cole mit diesem Repertoire längst nicht nur eingefleischte Jazzfans erreicht, zeigt ihr rasanter Aufstieg. Mehr als 1,7 Millionen Menschen folgen ihr in den sozialen Medien, ihre Videos wurden millionenfach angesehen.
Auch auf der Bühne hat sich Cole bereits einen Namen gemacht. Auftritte in renommierten Häusern und Spielstätten wie der Carnegie Hall, dem Kennedy Center, dem Birdland und dem Café Carlyle markieren wichtige Stationen ihrer noch jungen Karriere.
Ihr Erfolg macht deutlich, dass Standards aus einer anderen musikalischen Epoche auch ein heutiges Publikum erreichen können – vorausgesetzt, sie werden nicht lediglich konserviert, sondern glaubwürdig erzählt.
„Imagination“: Vergangenheit trifft Gegenwart
Mit „Imagination“ unterstreicht Stella Cole, dass ihre Begeisterung für das Great American Songbook weit über Nostalgie hinausgeht. Sie versucht nicht, die Klassiker mit aller Kraft ins 21. Jahrhundert zu übertragen. Stattdessen vertraut sie darauf, dass starke Melodien und große Gefühle ohnehin zeitlos sind.
Gerade darin liegt der Reiz des Albums: Stella Cole lässt die Vergangenheit hörbar werden, ohne darin stehen zu bleiben. Die Jahrzehnte mögen vergehen – Liebe, Sehnsucht und große Songs verlieren deshalb noch lange nicht ihre Wirkung.